Wort- und Sprachlabor
Worte lesen.
Wahrnehmung entdecken.
Wirklichkeit neu betrachten.
Wir benutzen jeden Tag Worte. Wir denken mit ihnen, erklären mit ihnen die Welt, beurteilen Situationen, beschreiben andere Menschen und erzählen uns selbst, was gerade geschieht.
Dabei fällt kaum auf, wie stark ein einziges Wort bereits vorgibt, aus welchem geistigen Raum wir eine Situation betrachten.
Wer von Verlust spricht, nimmt etwas anders wahr als jemand, der von Veränderung spricht.
Wer Unverständnis empfindet, befindet sich in einem anderen Wahrnehmungsraum als jemand, der beginnt zu untersuchen. Ungeduld, Gerechtigkeit, Klarheit, Schönheit, Verantwortung oder Möglichkeit sind deshalb nicht einfach nur Bezeichnungen. Mit ihnen richten wir unsere Aufmerksamkeit aus.
Genau hier beginnt das SYSTHEMATIK Wort- und Sprachlabor.

Was steckt eigentlich in einem Wort?
Im Wortlabor werden Worte nicht nur über ihre heutige Bedeutung betrachtet. Sie werden auseinandergenommen und Schritt für Schritt wieder zusammengesetzt.
Welche Information trägt der Wortstamm? Was verändert ein vorangestellter Bestandteil? Was geschieht durch die Wortform? Und was entsteht, wenn diese Bestandteile wieder zu einem vollständigen Wort zusammenwirken?
Aus UNVERSTÄNDNIS wird beispielsweise nicht einfach „etwas nicht verstehen“. Das Wort lässt sich weiter öffnen. Plötzlich steht die Frage im Raum, welcher gegenwärtige Stand des Verstehens eigentlich zum Massstab dafür geworden ist, was ein Mensch für verständlich, sinnvoll oder richtig hält.
Damit verändert sich die Betrachtung.
Aus: „Das ist unverständlich.“
kann zunächst werden: „Ich verstehe es gegenwärtig nicht.“
Das klingt nach einer kleinen Veränderung. Für die Wahrnehmung kann sie erheblich sein. Denn die erste Aussage macht möglicherweise den Gegenstand zum Problem. Die zweite macht den eigenen gegenwärtigen Stand des Verstehens sichtbar.
Und damit entsteht wieder Bewegung.
Ein Wort eröffnet ein Thema
Das eigentliche Forschungsfeld des Wortlabors liegt deshalb nicht im Wort allein. Es liegt zwischen Wort, Thema, Wahrnehmung und Wirklichkeit.
Ein Wort kann einen Themenraum eröffnen, in dem bestimmte Unterschiede, Wertungen, Erwartungen und Beziehungen besondere Bedeutung erhalten. Dieser Themenraum kann eine starke Anziehungskraft auf unsere Aufmerksamkeit entwickeln.
Je mehr Aufmerksamkeit das Thema erhält, desto stärker kann es schliesslich beeinflussen, was wir überhaupt noch wahrnehmen, womit wir vergleichen, worüber wir nachdenken und worauf wir reagieren.
Dabei begegnen uns immer wieder ähnliche Themen:
- mehr oder weniger, wenn etwas verglichen wird;
- richtig oder falsch, schön oder hässlich, klug oder dumm, wenn Wertigkeiten zum Massstab werden;
oder Vergangenheit und Zukunft, wenn Erfahrungen und Erwartungen beeinflussen, was wir von einem gegenwärtigen oder kommenden Umstand erwarten.
Schwierig wird es dort, wo wir nicht mehr bemerken, wie stark ein Thema unsere Wahrnehmung bereits ausrichtet.
Dann wird aus:
- „Ich halte es für unmöglich“ schnell „Es ist unmöglich.“
- Aus „Ich verstehe es nicht“ wird „Das ergibt keinen Sinn.“
- Aus „Ich finde das falsch“ wird „Das ist falsch.“
- Und aus „So habe ich es bisher erlebt“ kann „So wird es wieder kommen“ werden.
Eine Befürchtung über morgen kann sich dadurch heute schon vollkommen real anfühlen – obwohl das Befürchtete noch gar nicht geschehen ist.
Genau hier interessiert uns nicht nur, was ein Wort bedeutet, sondern welches Thema es eröffnet und was geschieht, wenn dieses Thema zunehmend unsere Aufmerksamkeit und Wahrnehmung bestimmt.
Eine andere Wahrnehmung ermöglicht eine andere Handlung
Wahrnehmung bleibt nicht folgenlos im Kopf. Was wir wahrnehmen, beeinflusst, welche Fragen wir stellen, welche Möglichkeiten wir erkennen, wie wir mit anderen Menschen sprechen, welche Entscheidungen wir treffen und schliesslich auch, wie wir handeln.
Deshalb genügt es nicht, immer mehr zu wissen.
Wissen ist nicht Verstehen und Verstehen ist noch nicht Kompetenz.
Ob ein verstandener Zusammenhang tatsächlich trägt, zeigt sich dort, wo ein Mensch mit ihm in der Wirklichkeit umgehen kann.
Das Wortlabor soll deshalb nicht dabei helfen, einen begrenzten Wahrnehmungsraum immer besser zu beherrschen.
Es soll zunächst sichtbar machen, welches Thema überhaupt eröffnet wurde, wodurch es Aufmerksamkeit erhält und wie es Wahrnehmung und Handlung beeinflussen kann.
Daraus kann eine andere Frage entstehen:
Welche eigene Entwicklung und Kompetenz braucht es, damit dieses Thema meine Wahrnehmung und mein Handeln nicht mehr automatisch bestimmt?
Darin liegt auch die Verbindung zur Realitätskompetenz: unterscheiden zu lernen zwischen dem, was tatsächlich gegeben ist, und dem, was wir darüber wissen, erwarten, bewerten, befürchten oder uns vorstellen.
Nicht um Vorstellungen abzuschaffen, sondern um wieder unterscheiden zu können, was Vorstellung ist – und was gerade wirklich geschieht.
Ein kleines geistiges Abenteuer
Das Wortlabor ist keine Sammlung fertiger Definitionen, die man auswendig lernen soll.
Es ist eine Einladung, der eigenen Wahrnehmung auf die Schliche zu kommen.
Manchmal wird das ziemlich ernst. Manchmal darf man darüber auch lachen. Denn wenn der eigene Kopf gerade aus Vergangenheit und Zukunft ein Ungeheuer baut, hilft vielleicht auch die Erinnerung: «Vergangenheit und Zukunft können zum Ungeheuer werden. Das Abenteuer findet in der Gegenwart statt.»
Oder beim Unverständnis: «Ich verstehe Bahnhof? Dann suche ich erst mal den Fahrplan.»
Leichtigkeit gehört zur Entwicklung dazu. Ein treffender Satz kann manchmal schneller aus einem festgefahrenen Wahrnehmungsraum führen als die nächste halbe Stunde Grübeln.
Was dich bei einer Wortanalyse erwartet
Öffnest du ein Wort, wird zunächst sichtbar, wie es aufgebaut ist und welche Information seine einzelnen Bestandteile tragen. Anschliessend wird das Wort Schritt für Schritt zusammengesetzt.
Danach beginnt der eigentlich spannende Teil: Welchen Wahrnehmungsraum stellt dieses Wort her? Wo kann Wahrnehmung darin hängen bleiben? Was geschieht, wenn ich das Wort auf andere richte – und was geschieht, wenn andere es auf mich richten?
Daraus werden ein allgemeingültiges Verständnis als zu prüfender Vorschlag, ein mögliches Lernfeld und konkrete Kompetenzen abgeleitet. Tipps helfen dabei, das Ganze auf wirkliche Situationen zu übertragen. Leitsätze bringen den Zusammenhang möglichst einfach – und manchmal mit etwas Wortwitz – auf den Punkt.
Innerhalb der Analysen führen verlinkte Begriffe ausserdem tiefer in das Wortlabor. Dort lässt sich nachvollziehen, wie einzelne Wortbestandteile, Berechnungswege und Wahrnehmungszusammenhänge zustande kommen.
Und immer bleibt eine entscheidende Frage:
Trägt das auch in der Wirklichkeit?
Allgemeingültiges Verständnis entsteht nicht durch Behauptung
Das Wortlabor soll kein neues Glaubenssystem produzieren.
Was hier als allgemeingültiges Verständnis formuliert wird, steht zur Prüfung.
Passt die Wortrechnung? Trägt der beschriebene Wahrnehmungsraum im wirklichen Leben? Gibt es Gegenbeispiele? Was wurde übersehen? Welche Erfahrungen widersprechen der Erklärung? Und welche Zusammenhänge zeigen sich immer wieder?
Gerade deshalb sind konkrete Lebenssituationen wertvoll.
Eine Theorie über Unverständnis ist das eine. Eine wirkliche Situation, in der zwei Menschen einander nicht verstanden haben und untersucht werden kann, was beide wahrgenommen, gedacht, gesagt und getan haben, ist etwas anderes.
Dort trifft das Wort auf Wirklichkeit und dort lässt sich prüfen, ob das entwickelte Verständnis tatsächlich trägt.
Unter der Oberfläche beginnt die gemeinsame Arbeit
Als Leser kannst du in die Wortanalysen eintauchen, Zusammenhänge entdecken und deine eigene Wahrnehmung damit überprüfen.
Das eigentliche Abenteuer beginnt jedoch unter der Oberfläche.
Mitglieder von SYSTHEMATIK – die Systhematiker – können die vorgeschlagenen Zusammenhänge gemeinsam prüfen, kritisieren und weiterentwickeln. Sie bringen Erfahrungen und Lebenssituationen ein, suchen Gegenbeispiele, untersuchen offene Fragen und entwickeln aus den gewonnenen Erkenntnissen neue Ideen.
Doch Erkenntnis soll nicht im Wortlabor enden. Wo sich ein Zusammenhang als tragfähig erweist, stellt sich die nächste Frage:
Was lässt sich damit in der Wirklichkeit anfangen?
Aus Wissen und Kritik können so neue Entwicklungsräume, Projekte und Praxisformate entstehen. Dort werden Erkenntnisse nicht nur weiter besprochen, sondern in reale Situationen gebracht, praktisch erprobt und durch neue Erfahrungen wiederum überprüft.
Die gemeinsame Arbeit reicht dabei über das Wortlabor hinaus. Systhematiker erhalten Zugang zu weiteren Projekten und Entwicklungsfeldern von SYSTHEMATIK, in denen bereits aufgebautes Wissen mit neuen Erkenntnissen verbunden und praktisch weiterentwickelt wird.
So entsteht eine fortlaufende Bewegung:
untersuchen → verstehen → kritisieren → entwickeln → erproben → erfahren → erneut prüfen.
Nicht indem alle derselben Meinung sind, sondern indem unterschiedliche Wahrnehmungen an einer gemeinsamen Wirklichkeit geprüft werden.
Was dieser Prüfung standhält, kann weiter verdichtet werden. Was nicht trägt, muss korrigiert werden. Und was noch nicht verstanden ist, bleibt offen für weitere Untersuchung.
So kann aus vielen einzelnen Beobachtungen nach und nach etwas entstehen, das den Anspruch allgemeingültigen Verständnisses tatsächlich verdient.
Versuch es selbst
Man muss die ganze Architektur des Wortlabors nicht verstanden haben, um damit anzufangen.
Öffne einfach ein Wort.
Nimm eines, bei dem du glaubst, längst zu wissen, was es bedeutet. Gerade dort kann es interessant werden.
Zum Einstieg:
Ungeduld · Unverständnis · Verlust · Verantwortung · Gerechtigkeit · Klarheit · Wirklichkeit · Möglichkeit · Verzweiflung · Entwicklung
Lies nicht nur, was über das Wort geschrieben steht.
Beobachte beim Lesen auch dich selbst:
- Wo kenne ich diesen Wahrnehmungsraum aus meinem eigenen Leben?
- Wo widerspreche ich?
- Was würde sich verändern, wenn ich denselben Umstand anders wahrnehmen könnte?
- welche Kompetenz würde ich dafür brauchen?
Vielleicht ist das Wort danach noch dasselbe.
Dein Blick darauf muss es nicht sein.


